Wer durch die Rödergasse in Rothenburg ob der Tauber geht und den Pop-up-Store von Anja Alt und Laura Reck betritt, merkt schnell: Hier geht es nicht nur ums Einkaufen. Zwischen liebevoll arrangierten Produkten, warmen Farben und wechselnden Ausstellern entsteht ein Ort, der sich offen und persönlich anfühlt – ein Raum, in dem man stehen bleibt, schaut, fragt und ins Gespräch kommt. Der Store versteht sich als Plattform für Menschen aus der Region, die ihre eigenen Ideen und Produkte zeigen möchten. Statt anonymer Ware stehen hier die Geschichten dahinter im Mittelpunkt: Wer etwas gestaltet hat, wie es entstanden ist und was alles in jedem einzelnen Stück steckt. So verbindet sich Verkauf mit Begegnung – und aus einem Laden wird ein Ort, an dem regionales Handwerk nicht nur präsentiert, sondern unmittelbar erlebbar wird.
Die Wurzeln des Stores liegen in einer gemeinsamen Initiative von Stadtmarketing, Wirtschaftsförderung und dem lokalen Campus, die sich zusammengeschlossen haben, um dem Leerstand in der Innenstadt aktiv entgegenzuwirken. Ein Gebäude, das zuvor zehn Jahre ungenutzt war, wurde reaktiviert, wissenschaftlich durch eine Masterarbeit begleitet und im Rahmen einer dreimonatigen Testphase von Oktober bis Dezember als Pop-up-Store etabliert. Anja und Laura waren damals als Ausstellerinnen beim ersten Casting der Stadt dabei – wenn auch über Umwege. Eine Freundin hatte die Anzeige gesehen und die beiden darauf aufmerksam gemacht. Die erste Reaktion der Frauen war jedoch zurückhaltend: »Nein, wir haben genug zu tun! Auf gar keinen Fall!« Da im September jedoch immer noch Mitstreiter gesucht wurden, siegten die Spontaneität und der Tatendrang. Nur vier Tage nach der Bewerbung saßen die beiden bereits beim offiziellen Kick-off. Aus dem dreimonatigen Testlauf, bei dem kleine Labels kostenlos die Markttauglichkeit ihrer Produkte und den Standort Rothenburg testen konnten, wurde ein voller Erfolg. Die Stadt wollte anschließend das Projekt unbedingt weiterleben lassen und fragte bei den beiden Frauen an, ob sie die Leitung übernehmen möchten. Mit einer gesunden Portion Ironie sagten sie zu: »Naja gut, haben wir sowieso nichts zu tun, wir machen das mal!« Schließlich betreiben die beiden schon seit 2011 erfolgreich einen eigenen Online-Schmuckbetrieb für selbst hergestellten Schmuck.
Hinter dem Store steht ein zutiefst ganzheitlicher Gedanke: Es geht nicht nur darum, coole, handgemachte Produkte von Menschen aus der Region zu kaufen, deren Namen man persönlich kennt. Es geht um das Erleben und Verstehen des Handwerks. Über zahlreiche Workshops bekommen die Besucher einen direkten Draht zum kompletten Wertschöpfungsprozess. Wer im Laden die Keramik von Ausstellerin Corinna bewundert, kann in einem begleitenden Workshop lernen, diese selbst herzustellen, und begreift so, wie viel Arbeit und Liebe in jedem Detail stecken. Gleichzeitig fungiert der Store als Sprungbrett in die Selbstständigkeit. Zu extrem günstigen Konditionen können sich hier alle ausprobieren – von der Studentin über die Mutter, die ihre kreativen Ideen von zu Hause aus verwirklicht, bis hin zu Menschen mit einem Nebengewerbe. Maximal sechs bis sieben Aussteller teilen sich zeitgleich die Verkaufsfläche für einen Zeitraum von vier Wochen bis zu drei Monaten. Das bewusste Limit verhindert, dass der Laden überladen wirkt, und garantiert eine persönliche Betreuung. Anja und Laura führen mit jedem Aussteller Interviews, um die Geschichten und Emotionen hinter den Produkten exakt zu kennen und sie so authentisch zu verkaufen, als wären es ihre eigenen. Ob die Holzarbeiten von Mareike, die Abschnitte von heimischen Obstwiesen trocknet, sägt und hobelt, oder die Kunstwerke lokaler Talente: Hier weiß man genau, wem der Kauf zugutekommt.
Als echtes Reallabor stehen die beiden Gründerinnen ihren Ausstellern intensiv beratend zur Seite. Sie geben wertvolles Kundenfeedback weiter und optimieren gemeinsam Verpackungen oder Produktpaletten. »Viele denken, ich muss hier reinkommen und meine Produktpalette muss fertig sein und ich muss alles komplett durchgeplant haben. Nee, das ist gar nicht Sinn und Zweck!«, betonen die beiden. Ein wunderbares Beispiel ist die Künstlerin Sophia: Sie kam anfangs mit gerade einmal drei Postkarten in den Laden. Durch den Zuspruch und die gemeinsame Arbeit von Anja und Laura entwickelte sie Kunstdrucke, gerahmte Originale und Magnete. Für Sophia wurde der erste Verkauf ihrer Werke zu einem besonderen Bestätigungsmoment. Zu erleben, dass Menschen bereit sind, für die eigene Kunst Geld zu bezahlen, sei ein echter »Ritterschlag«. Auch Ausstellerin Corinna resümierte glücklich, noch nie so viel gelernt zu haben wie in ihren zwei Monaten im Store. »Wir sagen den Leuten immer, probiert es aus, ihr habt kein Risiko!«, erklärt das Duo. »Ob du jetzt einmal essen gehst von dem Geld oder ob du dir quasi einen Monat einen ‚Spielplatz‘ kaufst, in dem du dich wirklich ausprobieren kannst.«
Um der wechselnden Vielfalt gerecht zu werden, wurde der Laden mit viel Planung und Tüftelei zu einem hochflexiblen, modularen Stecksystem aus Brettern und Kisten entwickelt, das sich perfekt an jeden Aussteller anpasst. Das modulare Konzept folgt dabei einer klaren Philosophie: »Nicht die Leute müssen sich an unseren Laden anpassen, sondern unser Laden sich an die Leute!« Es gibt keine fest zugewiesenen Ecken, alles wird harmonisch zu einem Gesamtbild arrangiert, sodass Kunden beim Schlendern immer wieder Neues entdecken. Dabei achten die Gründerinnen streng darauf, dass der Store ein »Safe Space« bleibt, in dem Konkurrenzdenken keinen Platz hat. Zeitgleich wird jede handwerkliche Richtung nur einmal vertreten. Diese familiäre Atmosphäre schlägt sich auch im Umkreis nieder: Die meisten Produzenten kommen direkt aus Rothenburg oder der näheren Umgebung wie Ansbach. Für die Zukunft schließen die beiden aber auch gezielte Highlights nicht aus – beispielsweise einen Aussteller aus Berlin, um zu zeigen: »Rothenburg ist so lässig, dass sogar Leute aus Berlin Lust haben, hier auszustellen. Die Großstädter kommen zu uns!«
Die größte Hürde im Alltag ist die Zeit. Da beide Frauen ihren Online-Shop weiterhin in Vollzeit betreiben – ein Job, der sie schon vor dem Laden voll ausgelastet hat –, fordert die Organisation des Stores vollen Einsatz. Dennoch ist der Laden zu einem festen Bestandteil ihres Lebens geworden, in dem auch ihre Kinder wie in einem zweiten Wohnzimmer aufwachsen, beim Einräumen helfen und von den Künstlern lernen. Die schönsten Belohnungen sind die menschlichen Begegnungen. Wie die Mutter und ihre Tochter, die jeden Mittwoch rituell im Laden vorbeischauen und sich sogar liebevoll abmelden, damit sich niemand Sorgen macht. Oder eine Kundin, die auf Instagram schreibt, dass Heimat für sie kein Ort, sondern Menschen sind, und den Pop-up-Store als einen Platz aufzählte, an dem sich ihr Herz zu Hause fühlt. »Das ist nichts, wo du sagst, das finanziert uns jetzt den Porsche, aber es finanziert unsere Seele so ein bisschen! Es ist wirklich so ein Seelenprojekt«, fassen es Anja und Laura berührend zusammen.
Die aktuelle Genehmigung der Stadt läuft vorerst bis Ende des Jahres. Im Sommer steht die Präsentation vor dem Stadtrat an, um über eine dauerhafte Fortführung zu entscheiden. Anja und Laura blicken dem Termin zuversichtlich entgegen, denn der Store hat großes Potenzial als Ort der Begegnung. Für sie bedeutet das die Freiheit, den Pop-up-Store genau so zu gestalten, wie sie ihn verstehen: als Bühne für regionale Kreativität, persönliche Geschichten und neue Ideen. Denn wichtiger als wirtschaftliche Kennzahlen ist für sie dabei die Frage, was bleibt – was Menschen verbindet, Kreativität fördert und vielleicht den Mut weckt, eigene Ideen Wirklichkeit werden zu lassen. Denn genau darin sehen Anja Alt und Laura Reck den Wert ihres Projekts: »Wenn man Kinder hat, wechselt die Mentalität von ‚Was will ich im Leben erreichen?‘ zu ‚Was kann ich erschaffen, was bleibt?‘. Ein Stück weit dazu beizutragen, dass die Welt besser geworden ist – das wäre schön hier.«
Zwischen regionalen Unikaten, kreativen Ideen und persönlichen Geschichten gibt es hier immer wieder Neues zu entdecken, also komm vorbei! Anja Alt und Laura Reck freuen sich darauf, dich als Besucher in ihrem »großen Wohnzimmer« willkommen zu heißen.
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