Mitten in der historischen Altstadt Rothenburgs erhebt sich das Baumeisterhaus, ein Meisterwerk der Renaissance, das nicht nur Architekturliebhaber in Staunen versetzt, sondern auch eine faszinierende moralische Botschaft vermittelt. Errichtet wurde das dreigeschossige Patrizierhaus mit steilem Satteldach, Schweifgiebel und kunstvoller Sandsteinfassade im Jahr 1596 für Michael Hirsching vom «Inneren Rat der Stadt«. Den architektonischen Auftrag führte der berühmte Rothenburger Stadtbaumeister und Steinmetz Leonhard Weidmann aus – ein Mann, der der Stadt seinen unverwechselbaren Stempel aufdrückte.
Weidmann, der auch für das einzigartige Rathaus in Doppelbauweise, die »Spitalbastei« und das Hegereiterhaus im Spitalhof verantwortlich zeichnete, lebte in seinem prächtigsten Werk selbst. Die Fassade des Baumeisterhauses ist reich an figürlichem Schmuck: vierzehn Statuen, die die klassischen sieben Tugenden und sieben Laster darstellen. Die Anordnung wirkt willkürlich, doch gerade das spiegelt Weidmanns Philosophie wider: das Leben sei nun einmal abwechslungsreich.
Jede Figur erzählt ihre eigene Geschichte: Im ersten Stock stehen von links nach rechts Herzensgüte (Hand am Herzen), Völlerei (Weinbecher), Mütterlichkeit (Kinder im Arm), Betrug (Gewichtsfälscher), Sanftmut (mit dem Lamm), Klugheit (mit zwei Schlangen) und Mäßigkeit (Becher mit Wasser und Wein). An der Fassade repräsentieren Figuren Tapferkeit (Keule), Unkeuschheit (Ziegenbock), Gerechtigkeit (Schwert), Hoffart (Spiegel), Falschheit (Schlange), Trägheit (Schnecke) und Geiz (Geldsack). Symbole wie das Lamm für Sanftmut oder die Schlange für Klugheit und Falschheit verbinden religiöse, moralische und gesellschaftliche Aussagen – und geben einen Einblick in das Leben der reichen Ratsherren und ihrer Familien zur Zeit der Renaissance.
Wer die Obere Schmiedgasse erkundet, sollte unbedingt einen Blick auf das Baumeisterhaus werfen. Die kunstvolle Sandsteinfassade mit ihren Delphinen am Giebel und die historischen Figuren sind sowohl ein Zeugnis für Weidmanns handwerkliches Können als auch ein Spiegel der sozialen und moralischen Vorstellungen seiner Zeit.
HEIMKOMMEN-TIPP: Die Originalstatuen befinden sich im RothenburgMuseum und sind dort auf Augenhöhe anzuschauen. Außerdem gibt es im Inneren des Hauses einen idyllischen Innenhof mit Malereien aus der damaligen Zeit.
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